Konzertflügel Steinway D „Manfred Bürki“

Nr. 100398
Baujahr 1901

Steinway
Der Steinway D, "Manfred Bürki"

Zu einer Zeit gebaut, als das Klavier, oder für Wohlhabendere ein Flügel, ebenso selbstverständlich in jedes bürgerliche Haus gehörte wie heute Fernseher und HiFi-Anlage, präsentiert sich mit diesem großen Konzertflügel ein Beispiel der Klavierbaukunst in ihrer Vollendung.

Während des gesamten 19. Jahrhunderts haben die Anforderungen der Pianisten die Klavierbauer zu immer neuen Entwicklungen veranlasst, die sich dann wiederum auf den pianistischen Stil der Virtuosen auswirkten. Diese Wechselwirkungen gehören zu den aufregendsten Prozessen der Musikgeschichte, an ihrem Ende standen zum Ausgang des 19. Jahrhunderts die großen Künstler, die noch heute Zeugnis von einer einzigartigen Höhe des Klavierspiels ablegen. Liszt-Schüler wie von Sauer und Rosenthal, Schülerinnen von Clara Schumann wie Fanny Davies, Komponisten-Pianisten wie Rachmaninoff; die Einzelnen können immer nur Beispiele aus einer Vielzahl möglicher Nennungen sein.

Logo Steinway
Auf der Seite der Klavierbauer stehen in vorderer Reihe noch heute vertraute Namen wie Steinway, Bösendorfer, Bechstein, Blüthner und die inzwischen erloschene amerikanische Firma Chickering, deren Instrumente für ihre Klangfülle berühmt waren. Auch hier stehen einzelne Namen als Beispiele für viele.

Die kulturgeschichtliche Bedeutung dieser wechselseitigen Befruchtung von Virtuosen und Instrumentenbauern wird man ermessen können, wenn man sich vor Augen führt, dass in seinen wesentlichen Konstruktionsmerkmalen der vorliegende Flügel bereits mit einem heutigen fabrikneuen identisch ist. Hierbei ist allerdings hervorzuheben, dass dieses bemerkenswerte Instrument, das bereits durch sein außerordentlich schönes und lebendiges Palisanderholz-Furnier aus der schwarzen Masse üblicher Flügel hervorsticht, in langwieriger Handarbeit hergestellt wurde; im Unterschied zur heute üblichen Fabrikation, bei der modernste Maschinen zum Einsatz kommen. Es handelt sich also wirklich um ein Einzelstück, daher durfte natürlich auch die Restaurierung nicht als Konfektionsarbeit vorgenommen werden.

Die erste Begegnung zwischen dem Flügel und seinen späteren Besitzern fand in einem Gasthof im badischen Schriesheim statt, wo er als Klavier des Männergesangsvereins „Lyra“ stand. äußerlich völlig ruiniert, ergab eine genaue Bestandsaufnahme, dass der innere Zustand ebenfalls beklagenswert war. Im Einzelnen stellte sich als notwendig heraus, den Resonanzboden und die Mechanik zu erneuern, eine neue Besaitung vorzunehmen, einen neuen Stimmstock einzubauen, um den festen Sitz der Wirbel weiterhin zu gewährleisten, und die lädierte Oberfläche aufzuarbeiten. Im Gefühl, hier ein Instrument von außerordentlicher Schönheit aus dem Dornröschenschlaf erwecken zu können, wurde das Risiko in Kauf genommen, dass letzten Endes der gewünschte Erfolg sich nicht einstellen könnte.

Innenleben Steinway
Das Innenleben des Steinway nach der Restaurierung
In der Klavierfabrik Steinway & Sons in Hamburg wurde der Stimmstock erneuert. Dann wurde bei der Bayreuther Firma Leo Niedermayer nach genauen Vermessungen und unter Verwendung der alten Stege eine originalgetreue Kopie des irreparablen Resonanzbodens eingebaut, weiterhin wurden neue Saiten in Bass und Diskant aufgezogen. Der von dem renommierten Experten für Steinway-Instrumente Manfred Bürki vorgenommene mechanische Neuaufbau umfasste im Einzelnen: neue Hämmer (unter Verwendung der alten Hebeglieder), neue Dämpfertangenten und neue Dämpfer. Die kostbare Oberfläche des Instrumentes wurde in der Werkstatt des auf den Nachbau historischer Tasteninstrumente spezialisierten Nikolaus Damm in Hirschhorn bei Heidelberg behandelt.

Bis zum Ende der Arbeiten war nicht abzusehen, ob das Instrument die hohen Erwartungen erfüllen würde. Die inzwischen auf dem Flügel eingespielten Aufnahmen legen - nicht zuletzt zur Freude der Besitzer - ein ebenso beredtes Zeugnis von dem Erfolg der Restaurierung wie auch von der hervorragenden Qualität des Flügels ab, der sicher schon 1901 seine Erbauer stolz auf ihr Werk gemacht hat.

Detmar Huchting

Manfred Bürki
Manfred Bürki, 1994


Nachtrag:
Im Juni 2010 ist Manfred Bürki plötzlich verstorben. Wir haben ihm sehr viel zu verdanken und haben daher den Flügel nach ihm benannt. Eine kleine Plakette ist kaum sichtbar innen angeracht: Steinway Concert Grand Piano D, 1901 #100398 „Manfred Bürki“. Es ist ein Instrument, das mit einer Einspielung der Mozart Klaviertrios (MDG 102 2398) mit dem Trio Parnassus 1990 erstmals aufgenommen wurde und seitdem in unzähligen Produktionen zur Freude der Musiker mitgewirkt und immer wieder gezeigt hat, dass guter Klang weit vor den Mikrofonen beginnt. Und erstaunlich, was Googles KI inzwischen zu unserem Vergnügen über „Manfred Bürki“ herausgefunden hat:
Klang: Er gilt in Fachkreisen als außergewöhnliches Exemplar, das die Brücke zwischen dem klassischen Steinway-Sound des frühen 20. Jahrhunderts und modernen Anforderungen schlägt.
Nutzung: Der Flügel wird häufig für hochwertige Klassik-Aufnahmen des Labels Musikproduktion Dabringhaus und Grimm (MDG) eingesetzt, da er eine im Vergleich zu modernen Konzertflügeln eigene klangliche Tiefe und Differenzierung besitzt.“

Nachtrag 2:
In einem spontanen Telefongespräch 2025 mit dem inzwischen über 90-jährigen Leo Niedermeier konnte ich erfahren, dass die Reste des originalen Resonanzbodens immer noch bei ihm im Treppenhaus zu seiner Werkstatt einen Ehrenplatz an der Wand haben.