Lieber
Peter,gerne möchte ich Dir etwas nachrufen – aber ganz so geschliffen wie dasjenige von Rüdiger Görner in der FAZ kann ich es nicht. Wir sind uns immer wieder begegnet, Du mit Deinen Musikern zunächst in Wuppertal und später in Brandenburg – ich mit meinen Mikrofonen. Es war immer eine ganz fantastische Zusammenarbeit, ich werde nie vergessen, wie das Orchester die 8 Takte Überleitung zur Wiederholung der Exposition in Schuberts 8. völlig überrascht das erste Mal überhaupt gespielt hatte. Und: Es war genau richtig, denn nur so offenbart sich die ganze Größe eines im direkten Umfeld der 9. Beethoven entstandenen Sinfonie. „Schubert konnte auch ohne Chor die ganz große Form“ war Dein knapper Kommentar.
Unvergessen Deine immer mit gewissem verschmitztem Lächeln vorgetragenen kleinen Geschichten über die große Musik – lass mich eine Ankekdote hier erwähnen, die bestimmt in keinem der Nachrufe vorkommt, mir aber besonders imponiert hatte: Du warst nach einer Tournee als Chef der Weimarer Staatskapelle in die Fänge der Stasi geraten. (Einige Musiker waren nicht wieder aus dem Westen in die DDR zurückgekehrt.) Man befragte Dich stundenlag, bis Du irgendwann gesagt hattest: „Tut mir leid, ich habe heute Abend ein Konzert zu dirigieren und muss mich jetzt vorbereiten“ – sprachst es und wechseltest vor dem staatssichernden Schreibtisch in den Kopfstand. Vor lauter Überraschung und Irritation hat man Dich umgehend frei gelassen.
Danke für die vielen wunderbaren menschlichen und musikalischen Momente,
Werner Dabringhaus
Foto: © Daniel Wandke