Pioniere der Klangwelt von morgen
Unter dem Motto „Unsere Klangwelt ist doch keine Scheibe“ entwickelte MDG – die audiophile Musikproduktion von Werner Dabringhaus und Reimund Grimm – pünktlich zur Jahrtausendwende ein eigenes Aufnahmeverfahren, das die Basis für die heutigen 3-D-Klangverfahren wie Dolby Atmos oder AURO 3D bildet. Unter dem Signet 2+2+2 RECORDING entstanden in den letzten 20 Jahren an die 400 puristisch im 3-D-Klang aufgenommene Klassik-Programme, die als SACD, DVD-AUDIO, Blu-ray-Audio oder im Achtkanaldownload veröffentlicht wurden.
Wie erfindet man so etwas?
Werner Dabringhaus im Gespräch mit Klaus Friedrich
Als junge Tonmeisterstudenten sind wir in den 70er Jahren natürlich im Stereoklang der LP aufgewachsen – Mono-Aufnahmen, wie sie oft noch im Rundfunk gesendet wurden, waren „minderwertig und unmodern“. Nur mühsam akzeptierten wir ganz vereinzelt „historische“ Monoaufnahmen – meine erste selbstgekaufte Mono-LP war dann das berühmte Tschaikowsky Klavierkonzert, das Horowitz mit Toskanini (nach über 30! Orchesterproben) aufgenommen hatte. Das ist so herausragend gespielt, dass mir diese Aufnahme noch heute sehr wichtig ist.
„Stereoanlage oder VW Käfer? Ich interessierte mich damals für beides...“
In den 70er Jahren tauchte plötzlich die Quadrofonie auf – klar, dass wir Studenten uns mit diesem System klanglich auseinandersetzten – die Aufstellung von zwei zusätzlichen Lautsprechern hinten ergab in der Tat eine Erweiterung des Hörraums. Leider war diese Technologie nicht von Dauer, die Technik bedeutete ja mal eben eine Verdoppelung der Anschaffungskosten im Gegenwert eines Volkswagen, rein technisch blieb es schwierig die beiden zusätzlichen Kanäle mit in die LP-Rille zu quetschen – und nicht zuletzt gab es Klangmischungen – etwa die Aufteilung der vier Instrumente eines Streichquartetts auf die vier Lautsprecher – die auch den wohlmeinendsten Hörer nur irritieren konnten…
Wolfgang Hirschmann lernte ich im Cornett-Studio-Köln kennen. Er hatte Versuche gemacht, Opernaufnahmen so auf vier Kanäle zu verteilen, dass das Orchester auf die Stereolautsprecher gemischt war, die Sängersolisten hingegen auf ein weiteres Paar Lautsprecher vorne oben. Das war eine interessante Konstellation, bei der der Raumklang von hinten entfiel, dafür aber vorne eine bessere Auflösung des Klangbildes entstand, bei der das Orchester quasi im Graben spielte, die Sänger darüber aufgereiht auf der Bühne: Spannend – und eigentlich die viel sinnvollere Quadrofonie. Aber deren Los war längst besiegelt, die nächsten 25 Jahre – auch mit der Einführung der CD – waren ausschließlich Stereoaufnahmen angesagt.
An einer Stelle hat allerdings die Quadrofonie eine Nische gefunden: Im Kino wurden zunehmend Anlagen installiert, die eine Mehrkanalwiedergabe möglich machten.
„Ich dachte immer, wenn wir die Mehrkanalwiedergabe zu Hause bekommen, wird das 3-D sein. Es machte aber keiner. Da haben wir es einfach selbst realisiert...“
Im Kino galt es aber erst einmal ein ganz anderes Problem zu lösen: Die Stereo-Wiedergabe funktioniert ja nur auf dem optimalen Hörplatz – dem allseits bekannten Stereodreieck. Eine Schallquelle, die z.B. aus der Mitte der Filmszene kommen müsste, erkennt der seitlich sitzende Kinobesucher allerdings immer außermittig – sprich: die ganze Stereo-Illusion verschwindet, wenn der Hauptdarsteller permanent aus einer falschen Richtung zu hören ist. Der Trick war sehr schnell gefunden: Man montierte einen zusätzlichen Mono-Lautsprecher exakt mittig hinter die Leinwand. Darüber wurden – wieder einfach in Mono – sämtliche Dialoge abgespielt. Sie waren daher plötzlich von allen Plätzen immer ganz genau mittig zu hören. Die Musik – und die Geräusche – verteilten sich nach wie vor auf die Stereo- bzw. Quadrolautsprecher. Für die Filmwiedergabe war das die optimale Lösung, zumal man mit einem sehr großen zusätzlichen Basslautsprecher auch Erdbeben und Sprengungen akustisch effektvoll darstellen konnte. Man nannte das System Surround oder 5.1, wobei .1 den Bass-Effektkanal bezeichnet.
„Wozu eigentlich der Mittenkanal – und gibt es überhaupt Detonationen in der Musik?“
Wir Tonmeister haben dieses Klangsystem also quasi aus dem Kinobedarf geerbt, um damit auch Musikaufnahmen zu machen. Gleichzeitig wurden die DVD-AUDIO und die SACD mit jeweils bis zu sechs Kanälen eingeführt, die klanglich und technisch weit oberhalb der CD angesiedelt sind.
Unsere erste Überlegung: Wozu der Mono-Mittenkanal? Wir Stereohörer sitzen doch optimal und haben das ganze Klangpanorama aufgestaffelt in Breite und Tiefe vor uns. Und: Gibt es Detonationen in der klassischen Musik? Wohl eher kaum. Also waren unsere ersten Überlegungen reine Quadroaufnahmen zu veröffentlichen. Nun geisterte aber immer noch diese alte Idee im Kopf herum. Und müsste nicht die Erfindung der Mehrkanalwiedergabe gleichzeitig auch eine Öffnung zum natürlichen 3-D-Klang sein? Immerhin hört der Mensch seit Urzeiten Schallereignisse aus drei Dimensionen...
„Dreifach Stereo – ist doch ganz einfach – und audiophil“
Kurz: Die ersten Versuche die Klänge innerhalb eines aus Stereo plus zwei Oben- plus zwei Hinten-Lautsprechern zu platzieren klangen überraschend. Mit der entsprechenden Mikrofonierung bei der Aufnahme öffnete sich ein faszinierender 3-D-Raum. 2+2+2 RECORDING ist eine Art Dreifachstereo, das den Hörer zusammen mit den Musikern in die herrlichsten Konzerträume entführt.
Und noch ein ganz wichtiger Aspekt tauchte auf: Plötzlich sind wir Hörer nicht mehr an den einen „einzigen“ Hörplatz gebunden, wir können uns innerhalb, ja sogar außerhalb, des Lautsprechersystems ganz frei bewegen. Sweetspot ade!
Als erste merkten unsere Musiker bei den Aufnahmen, dass plötzlich nicht mehr nur der Ensembleleiter auf dem Regiestuhl die optimale Balance hörte, sondern jeder konnte sich im Klangbild und in der Instrumentalbalance selbst einschätzen.
„Kompatibilität ist alles – oder jeder wie er mag“
Und wenn ich keine 2+2+2 Lautsprecheranlage habe? Alle so gekennzeichneten Aufnahmen lassen sich problemlos auch über eine 5.1 oder Quadro-Anlage wiedergeben. Und wer zu Hause stereophon hört, der schließt eben die beiden Frontkanäle an und wird eine vollgültige Stereowiedergabe erleben. Der natürliche 3-D-Klang kann sich allerdings nur im 2+2+2-System entfalten.
MDG konnte zusammen mit unserem Presswerk Sonopress im Jahre 2000 die weltweit erste DVD-AUDIO herstellen. Es ist ein klingender Katalog, der 15 Klangbeispiele im 2+2+2 RECORDING enthält, mit Kammermusik, Orchestermusik, Choraufnahmen und unter anderem der berühmten Widor-Orgeltoccata, die die originale Cavaillé-Coll-Orgel in Rouen aus 20m Höhe hörbar macht. Dazu eine ganze Reihe Test-und Einstellsignale, mit denen sich meist ausschließlich mit den eigenen Ohren ganz leicht die Anlage überprüfen lässt.
„… eigentlich wollten wir immer, dass Stereo genau so klingt“
Besonders spannend waren dann Produktionen, bei denen die Kompositionen die räumliche Verteilung der Schallquellen im Raum vorsahen. Fernorchester bei Mahler etwa, oder die Hornrufe aus verschiedenen Saalecken bei Haydn… Die Wiedergabe solcher Werke in Stereo ist dann vergleichsweise unbefriedígend – in 2+2+2 ein Erlebnis.
„Mehr geht nicht…“
Von Beginn an haben wir alle Aufnahmen für 8-Kanal-Wiedergabe produziert und gemischt. So konnten wir mit der ersten Blu-ray-Audio Diabolo erstmals 28 klassische Klangbeispiele im 2222+ RECORDING veröffentlichen. So ist es möglich rund um den Hörer 3-D-Klänge in natürlicher Balance zu platzieren. Die Zukunft mag andere technische Übertragungswege bieten. Aber klanglich ist wirklich ein Optimum erreicht, denn mehr als drei Dimensionen können wir alle nun mal nicht wahrnehmen.
Wie erfindet man so etwas?
Werner Dabringhaus im Gespräch mit Klaus Friedrich
Als junge Tonmeisterstudenten sind wir in den 70er Jahren natürlich im Stereoklang der LP aufgewachsen – Mono-Aufnahmen, wie sie oft noch im Rundfunk gesendet wurden, waren „minderwertig und unmodern“. Nur mühsam akzeptierten wir ganz vereinzelt „historische“ Monoaufnahmen – meine erste selbstgekaufte Mono-LP war dann das berühmte Tschaikowsky Klavierkonzert, das Horowitz mit Toskanini (nach über 30! Orchesterproben) aufgenommen hatte. Das ist so herausragend gespielt, dass mir diese Aufnahme noch heute sehr wichtig ist.
„Stereoanlage oder VW Käfer? Ich interessierte mich damals für beides...“
In den 70er Jahren tauchte plötzlich die Quadrofonie auf – klar, dass wir Studenten uns mit diesem System klanglich auseinandersetzten – die Aufstellung von zwei zusätzlichen Lautsprechern hinten ergab in der Tat eine Erweiterung des Hörraums. Leider war diese Technologie nicht von Dauer, die Technik bedeutete ja mal eben eine Verdoppelung der Anschaffungskosten im Gegenwert eines Volkswagen, rein technisch blieb es schwierig die beiden zusätzlichen Kanäle mit in die LP-Rille zu quetschen – und nicht zuletzt gab es Klangmischungen – etwa die Aufteilung der vier Instrumente eines Streichquartetts auf die vier Lautsprecher – die auch den wohlmeinendsten Hörer nur irritieren konnten…
Wolfgang Hirschmann lernte ich im Cornett-Studio-Köln kennen. Er hatte Versuche gemacht, Opernaufnahmen so auf vier Kanäle zu verteilen, dass das Orchester auf die Stereolautsprecher gemischt war, die Sängersolisten hingegen auf ein weiteres Paar Lautsprecher vorne oben. Das war eine interessante Konstellation, bei der der Raumklang von hinten entfiel, dafür aber vorne eine bessere Auflösung des Klangbildes entstand, bei der das Orchester quasi im Graben spielte, die Sänger darüber aufgereiht auf der Bühne: Spannend – und eigentlich die viel sinnvollere Quadrofonie. Aber deren Los war längst besiegelt, die nächsten 25 Jahre – auch mit der Einführung der CD – waren ausschließlich Stereoaufnahmen angesagt.
An einer Stelle hat allerdings die Quadrofonie eine Nische gefunden: Im Kino wurden zunehmend Anlagen installiert, die eine Mehrkanalwiedergabe möglich machten.
„Ich dachte immer, wenn wir die Mehrkanalwiedergabe zu Hause bekommen, wird das 3-D sein. Es machte aber keiner. Da haben wir es einfach selbst realisiert...“
Im Kino galt es aber erst einmal ein ganz anderes Problem zu lösen: Die Stereo-Wiedergabe funktioniert ja nur auf dem optimalen Hörplatz – dem allseits bekannten Stereodreieck. Eine Schallquelle, die z.B. aus der Mitte der Filmszene kommen müsste, erkennt der seitlich sitzende Kinobesucher allerdings immer außermittig – sprich: die ganze Stereo-Illusion verschwindet, wenn der Hauptdarsteller permanent aus einer falschen Richtung zu hören ist. Der Trick war sehr schnell gefunden: Man montierte einen zusätzlichen Mono-Lautsprecher exakt mittig hinter die Leinwand. Darüber wurden – wieder einfach in Mono – sämtliche Dialoge abgespielt. Sie waren daher plötzlich von allen Plätzen immer ganz genau mittig zu hören. Die Musik – und die Geräusche – verteilten sich nach wie vor auf die Stereo- bzw. Quadrolautsprecher. Für die Filmwiedergabe war das die optimale Lösung, zumal man mit einem sehr großen zusätzlichen Basslautsprecher auch Erdbeben und Sprengungen akustisch effektvoll darstellen konnte. Man nannte das System Surround oder 5.1, wobei .1 den Bass-Effektkanal bezeichnet.
„Wozu eigentlich der Mittenkanal – und gibt es überhaupt Detonationen in der Musik?“
Wir Tonmeister haben dieses Klangsystem also quasi aus dem Kinobedarf geerbt, um damit auch Musikaufnahmen zu machen. Gleichzeitig wurden die DVD-AUDIO und die SACD mit jeweils bis zu sechs Kanälen eingeführt, die klanglich und technisch weit oberhalb der CD angesiedelt sind.
Unsere erste Überlegung: Wozu der Mono-Mittenkanal? Wir Stereohörer sitzen doch optimal und haben das ganze Klangpanorama aufgestaffelt in Breite und Tiefe vor uns. Und: Gibt es Detonationen in der klassischen Musik? Wohl eher kaum. Also waren unsere ersten Überlegungen reine Quadroaufnahmen zu veröffentlichen. Nun geisterte aber immer noch diese alte Idee im Kopf herum. Und müsste nicht die Erfindung der Mehrkanalwiedergabe gleichzeitig auch eine Öffnung zum natürlichen 3-D-Klang sein? Immerhin hört der Mensch seit Urzeiten Schallereignisse aus drei Dimensionen...
„Dreifach Stereo – ist doch ganz einfach – und audiophil“
Kurz: Die ersten Versuche die Klänge innerhalb eines aus Stereo plus zwei Oben- plus zwei Hinten-Lautsprechern zu platzieren klangen überraschend. Mit der entsprechenden Mikrofonierung bei der Aufnahme öffnete sich ein faszinierender 3-D-Raum. 2+2+2 RECORDING ist eine Art Dreifachstereo, das den Hörer zusammen mit den Musikern in die herrlichsten Konzerträume entführt.
Und noch ein ganz wichtiger Aspekt tauchte auf: Plötzlich sind wir Hörer nicht mehr an den einen „einzigen“ Hörplatz gebunden, wir können uns innerhalb, ja sogar außerhalb, des Lautsprechersystems ganz frei bewegen. Sweetspot ade!
Als erste merkten unsere Musiker bei den Aufnahmen, dass plötzlich nicht mehr nur der Ensembleleiter auf dem Regiestuhl die optimale Balance hörte, sondern jeder konnte sich im Klangbild und in der Instrumentalbalance selbst einschätzen.
„Kompatibilität ist alles – oder jeder wie er mag“
Und wenn ich keine 2+2+2 Lautsprecheranlage habe? Alle so gekennzeichneten Aufnahmen lassen sich problemlos auch über eine 5.1 oder Quadro-Anlage wiedergeben. Und wer zu Hause stereophon hört, der schließt eben die beiden Frontkanäle an und wird eine vollgültige Stereowiedergabe erleben. Der natürliche 3-D-Klang kann sich allerdings nur im 2+2+2-System entfalten.
MDG konnte zusammen mit unserem Presswerk Sonopress im Jahre 2000 die weltweit erste DVD-AUDIO herstellen. Es ist ein klingender Katalog, der 15 Klangbeispiele im 2+2+2 RECORDING enthält, mit Kammermusik, Orchestermusik, Choraufnahmen und unter anderem der berühmten Widor-Orgeltoccata, die die originale Cavaillé-Coll-Orgel in Rouen aus 20m Höhe hörbar macht. Dazu eine ganze Reihe Test-und Einstellsignale, mit denen sich meist ausschließlich mit den eigenen Ohren ganz leicht die Anlage überprüfen lässt.
„… eigentlich wollten wir immer, dass Stereo genau so klingt“
Besonders spannend waren dann Produktionen, bei denen die Kompositionen die räumliche Verteilung der Schallquellen im Raum vorsahen. Fernorchester bei Mahler etwa, oder die Hornrufe aus verschiedenen Saalecken bei Haydn… Die Wiedergabe solcher Werke in Stereo ist dann vergleichsweise unbefriedígend – in 2+2+2 ein Erlebnis.
„Mehr geht nicht…“
Von Beginn an haben wir alle Aufnahmen für 8-Kanal-Wiedergabe produziert und gemischt. So konnten wir mit der ersten Blu-ray-Audio Diabolo erstmals 28 klassische Klangbeispiele im 2222+ RECORDING veröffentlichen. So ist es möglich rund um den Hörer 3-D-Klänge in natürlicher Balance zu platzieren. Die Zukunft mag andere technische Übertragungswege bieten. Aber klanglich ist wirklich ein Optimum erreicht, denn mehr als drei Dimensionen können wir alle nun mal nicht wahrnehmen.